Paulus spricht sich in diesem Text ganz klar gegen eine dualistische Sicht des Menschen aus. In der griechischen Philosophie wird gerne zwischen vergänglichem Leib und unsterblicher Seele unterschieden und beides gegeneinander ausgespielt (Der Leib ist böse und vergänglich und die Seele göttlich und ewig). Paulus sagt: Nein! Auch in der Ewigkeit werden wir einen Leib haben. Natürlich nicht genau so wie unser jetziger irdischer Leib. Wir werden einen Leib haben der unvergleichlich herrlicher ist, als der jetzige!

Freu mich schon darauf. Einmal generalüberholt: Ganz der alte und doch alles neu! Bei himmlischen Festmählern schlemmen, ohne Angst vor meinem wachsenden Bauchspeck zu haben! Ganz ohne Brille deutlich und klar die leuchtenden Augen Gottes sehen! Ohne Muskelkater, Bänderrisse und Ermüdungserscheinungen endlos über flockige Wolker herumtanzen!


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Eines der Bücher, die ich im Urlaub gelesen habe war “Der Schrei der Wildgänse” von Jacobsen und Coleman. Es hat mich ziemlich beschäftigt (und beschäftigt mich immer noch). Es hat mich verärgert, provoziert, zum Nachdenken gebracht und es hatte vor allem eine Auswirkung: Es hat mich müde und resigniert gemacht.

In dem Buch legen die Autoren in Form der Geschichte eines christlichen Pastors ihre Kritik an institutionellen Kirchen dar. So wie die Hauptperson Jake sollen auch die Leser “aufbrechen zu einem freien Leben in Christus jenseits von Religion und Tradition” (so der Untertitel des Buches). Ein großen Teil des Buches nehmen die Dialoge zwischen Jake und einer geheimnisvollen Person mit dem Namen John ein. John taucht immer wieder spontan und unerwartet in Jakes Leben auf und redet mit ihm über den Glauben und seine Beziehung zu Jesus. Er hat solch eine besonderes Ausstrahlung und scheint ein solch persönliches Verhältnis zu Jesus zu haben, dass Jake am Anfang überlegt, ob dieser John nicht tatsächlich der Jünger Johannes (in der englischen Bibel als John übersetzt) ist, von dem an einer Stelle in der Bibel angedeutet wird, dass er nicht stirbt bevor Jesus wieder kommt.

John macht Jake immer wieder deutlich, dass es nicht auf die äußere Form des Glaubens und damit auch nicht auf eine bestimmte Gemeindetradition ankommt, sondern auf eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus. Er sagt, dass die Gefahr jeder institutioneller Kirche ist, dass man nur die äußere Form der Glaubens lebt und meint, das sei schon alles. Aber es kommt nicht auf die festgelegten und regelmäßigen Treffen von Christen an, sondern es kommt auf das Hören auf Jesus an und auf echte und tiefgreifende Beziehungen zu anderen Christen. Außerdem beklagt er, dass es in normalen Gemeinden oft mehr um Macht und Machterhalt geht, als wirklich um den Glauben.

An mehreren Stellen wird betont dass in normalen, institutionellen Gemeinden es prinzipiell nicht unmöglich ist wirklich Jesus nachzufolgen, dass diese Art der Gemeinschaft aber immer in der Gefahr steht, den eigentlichen Glauben zu formalisieren (Nach der Art: Geh jeden Sonntag in die Kirche, werde Mitarbeiter, gib der Kirche genügend Geld, … und dann ist alles okay). Wenn man wirklich ein Nachfolger Christi sein will, dann geht das nur wenn man sich vollständig, allein von Christus abhängig macht (und z.B. auch in Geldfragen nicht nach Sicherheit fragt, sondern danach, was Jesus will).

Grundsätzlich teile ich viele Kritikpunkte, die in dem Buch angeführt werden. Es ist tatsächlich so, dass in vielen Gemeinden der Glaube sich um Äußerlichkeiten dreht und wenige (ich einbegriffen) eine wirklich tiefgreifende Beziehung zu Jesus haben. Wir stecken wahnsinnig viel Energie in die Gemeinde hinein, allein um den ganzen Laden einigermaßen am Laufen zu halten. Wir brauchen so viel Kraft, Geld und Arbeit, um das Gemeindeleben aufrecht zu erhalten - und was erreichen wir mit all den Bemühungen? In den meisten Gemeinden gibt es immer wieder Streitigkeiten über Nichtigkeiten, es dreht sich vieles darum das Äußere in Form zu halten (sei es das Gebäude oder seien es die unzähligen Gemeindeveranstaltungen mit denen wir uns ein lebendiges Gemeindeleben vortäuschen) - aber wie wenig erreichen wir nüchtern betrachtet mit all diesen Anstrengungen? Werden die Menschen wirklich Christus ähnlicher? Wie viele Menschen erreichen wir wirklich mit dem Evangelium? Sind wir wirklich für die Armen und Ausgestoßenen da? Haben wir in den Gemeinden wirklich aufrichtige, tiefe, ermutigende Beziehungen untereinander?

Jacobsen und Coleman betonen, dass Kirche nicht ein Gebäude ist, dass es auch nicht eine Veranstaltung ist, sondern dass Kirche die Gemeinschaft der Gläubigen ist. Kirche sind wir Christen in Beziehung zueinander. Dazu braucht es kein bestimmtes Gebäude, dazu braucht es keinen Hauptamtlichen, dazu braucht es keine bestimmte Gottesdienstform, dazu braucht es überhaupt keine regelmäßig festgelegten Treffen - dazu braucht es einfach nur Gemeinschaft und gemeinsames Hören auf Gott.

Als jemand, der mit “institutioneller Religion” sein Brot verdient, machen mir solche Gedanken natürlich Angst. Wenn ich das Buch ernst nehmen würde, müsste ich meinen Job aufgeben und auf andere Weise versuchen meinen Glauben zu leben. Aber abgesehen von den existentiellen Ängsten, die da aufkommen, habe ich auch meine Anfragen daran, ob solch eine Leben, wie es in dem Buch propagiert wird, überhaupt möglich ist.  Kann ich diese abslute Freiheit in Christus in dieser gefallenen Welt wirklich leben? Brauche ich nicht bestimmte Formen und Traditionen, um als fehlbarer Mensch einen Rahmen für mein Glaubensleben zu haben?

Es ist ja eine uralte Diskussion, die das Christentum von Anfang an begleitet hat: die Spannung zwischen Geist und Amt, die Spannung zwischen charismatischer Freiheit und einem durch Ämter organisiertem Gemeindeleben. Schon im Neuen Testament kann man ja beobachten, dass bestimmte Ämter und Aufgaben eingeführt werden, um das Zusammenleben in der Gemeinde zu organisieren. Schon im Neuen Testament fängt also diese “Institutionalisierung” der Kirche an. Schon Paulus hat ja bei den Korinthern so seine Probleme mit einer absolut freien Gottesdienstform, bei der alles drunter und drüber geht. Er versucht bestimmte Richtlinien aufzustellen, um die gemeinsamen Treffen zu ordnen.

Müde und resigniert macht mich das Buch, weil tatsächlich in vielen Gemeinden so vieles so schief läuft. Es wird mehr Energie in das christliche Drumherum gesteckt, als in das eigentliche Leben und Hören auf Jesus. Ich bin ja selbst viel zu oft von Gemeinde frustriert. Aber wirkliche Alternativen und Antworten finde ich in dem Buch nicht. Der Gegenentwurf bleibt mir zu utopisch und zu wenig greifbar. Kritisieren ist immer leicht (mach ich selbst ja gerade auch ;) ), aber es wirklich besser zu machen - das dürfte auch für Jacobsen und Coleman schwierig sein.


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Abstand nehmen

Füße im Sand

Drei Wochen Urlaub - abschalten, Abstand gewinnen, Zeit zum Lesen (zu den Büchern werden noch ein paar Artikel folgen)…, Sonne, Meer, viel Bewegung und frische Luft (für einen Stubenhocker wie mich eine wichtige Abwechslung!), raus aus der Alltagsmaschinerie (die einen leider sehr schnell wieder einfängt), andere Erfahrungen machen, andere Dinge sehen.

Ich hab in den drei Wochen kaum in meiner Bibel gelesen oder gebetet, hab in gewisser Weise auch Abstand von Gott (bzw. dem ganzen christlichen Drumrum) genommen - und es hat mir nichts gefehlt. Im Gegenteil: Ich hab mich wohl dabei gefühlt - frei, erleichtert (bis auf das schlechte Gewissen: Naja, als Christ sollte man doch Freude am Kontakt mit Gott haben und gerne Bibellesen und Beten…). Traurig! Warum ist das so? Okay, als “Berufschrist” steht man in der Gefahr Glaube sofort mit Arbeit in Verbindung zu bringen. Aber ich fürchte, auch als “ehrenamtlicher Christ” wäre es mir so gegangen. Irgendwie scheint es mir so anstrengend und mühsam zu sein, mein Christsein zu leben und ich bin froh wenn ich mal ‘ne Pause machen kann. Das hat sich Jesus doch sicher etwas anders vorgestellt, oder?! Christsein ist viel zu sehr mit dem Gefühl verbunden: “Ich muss was machen, ich muss was leisten, ich muss mich am Riemen reißen, um ein guter Christ zu sein”. Wo bleibt die einfache Freude am Leben und die selbstverständliche Freude an einer Beziehung zu Gott?


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Aber jetzt ist erst mal eine Weile Pause! Drei Wochen Sommer, Sonne, Strand und Meer! Freu mich drauf! 8) :)


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“Was soll es sonst, daß sich einige für die Toten taufen lassen? Wenn die Toten gar nicht auferstehen, was lassen sie sich dann für sie taufen?” (1.Kor.15,29)

Eine der schwierigsten und umstrittensten Stellen in den Korintherbriefen. Es gibt unzählige Versuche, diesen Vers zu deuten. Die naheliegendste und gängigste Auslegung ist, dass es in Korinth wohl einige gab, die sich stellvertretend für bereits Verstorbene taufen ließen (sog. Vikariatstaufe). Ähnliches gab es wohl auch in Mysterienreligionen der damaligen Zeit, welche nördlich von Korinth (in Eleusis) auch ein wichtiges Kultzentrum hatten. Auch aus christlichen Sondergemeinschaften des 2. und 3. Jh. (z.B. Marcioniten und Montanisten) werden solche Vikariatstaufen berichtet. Paulus nimmt demnach auf diese Sitte Bezug und verwendet sie als Argument für eine Auferstehung der Toten. Dabei bewertet er diesen Brauch weder als positiv noch als negativ. Problematisch bei dieser Auslegung ist eben die fehlende Stellungnahme des Paulus: Wie kann er, der in seinen Briefen so viele Missstände anspricht, diese Taufpraxis einfach so stehen lassen? Dieser Brauch entspricht doch ganz sicher nicht dem neutestamentlichen Taufverständnis!

Deswegen gibt es so viele Versuche, den Vers anders zu verstehen. Die paar, die ich entdeckt habe, überzeugen leider nicht besonders: Alle müssen den Wortsinn schon sehr dehnen, um auf eine andere Bedeutung zu kommen. Am ehesten nachvollziehbar ist die Auslegung von Adolf Schlatter: Er sagt, dass der Ausdruck “sich taufen lassen” sich auch auf den Märtyrertod beziehen kann. So bezeichnet z.B. Jesus selbst sein Sterben als ein “getauft werden” (Lk.12,50). Das macht auf jeden Fall sprachlich Sinn und ist auch belegbar. Problematisch finde ich dann aber den Zusatz “für die Toten” - warum sollte man in den Märtyrertod gehen “für die Toten”? Schlatter erklärt das anhand von 1.Petr.3,19f: So wie Christus nach seinem Tod in der Totenwelt gepredigt hat und den Toten das Evangelium brachte, so tun das auch die Märtyrer. Naja - das scheint mir weit hergeholt zu sein. Ein Märtyrer stirbt doch, weil er an seinem Glauben zum lebendigen Christus festhalten will und nicht weil er so große Sehnsucht danach hat, in der Totenwelt zu predigen…

Also… keine klaren Antworten. Eine Stelle, die letztendlich dunkel bleibt. Das heißt für mich, dass es am besten ist, daraus keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. So wie es z.B. die Mormonen tun, die aus dieser Stelle auch ihre heute gängige Praxis der Taufe für Verstorbene herleiten.

Das herumdoktern an solchen Stellen verschließt uns all zu leicht den Blick auf klare Stellen der Schrift. So z.B. in diesem Abschnitt das Bekenntnis des Paulus: “Ich sterbe täglich” (1.Kor.15,31). Das ist nicht symbolisch gemeint, sondern Paulus lebt seinen Glauben mit solchem Einsatz, dass er täglich dem Tod ins Auge blicken muss. Er ist täglich bereit für seinen Glauben zu sterben. Krass, dieser Paulus: Jesus an erster Stelle - koste es was es wolle!


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Also ehrlich gesagt: Dieses Buch frustriert mich! Es weckt bei mir keine Begeisterung, Neues zu wagen, sondern eher Frust über die scheinbare Ausweglosigkeit traditioneller Gemeinden. Mir ging es beim Lesen so wie es David Hayward in einem Cartoon auf den Punkt bringt: “Sure, you can read church growth and success books. But read them like you read porn: it looks amazing, you’ll get excited, but it’s something you’ll never get your hands on.”

Aber der Reihe nach: Zuerst mal was zu den Autoren. Alan Hirsch “ist selbst Jude, der bei Jesus Erlösung gefunden hat” (S.197). Schon von dieser Herkunft her legt er großen Wert auf die hebräischer Verwurzelung des Evangeliums. Er kommt aus Australien und hat dort das “Forge Mission Training Network” gegründet und leitet es auch. Es ist ein Institut und ein Netzwerk für innovative missionarische Konzepte. Außerdem lehrt er an verschiedenen Hochschulen zu eben diesen Themen. Michael Frost wuchs als Katholik auf und “begann seine geistliche Reise mit dem Ansatz der Benediktiner, das Heilige im Alltäglichen zu finden” (S.197). Er ist als Redner und Evangelist tätig. In Sydney hat er das „Centre for Evangelism and Global Mission“ gegründet - eine Ausbildungsstätte für postmoderne Missionare.

In ihrem Buch gehen sie der Frage nach, wie Kirche aussehen muss, damit sie auch in der Postmoderne Menschen für Gott gewinnen kann und erfolgreich sein kann (ich benutze hier ganz bewusst das Wort “erfolgreich”, weil die Autoren selbst immer wieder Vergleiche zwischen Kirche und weltlichen Firmen und deren Management herstellen). Das Buch geht der Fragestellung in vier Kapiteln nach:

A. Der Stand der Dinge

Hier geht es um eine grundsätzliche Analyse der Situation unserer Kirchen in den westlich geprägten Kulturen. Hier stellen sie, durchaus zurecht, den “Bankrott des Christentums” (S.34) fest. Mit Christentum meinen sie natürlich nicht die christliche Botschaft an sich, sondern die derzeitige Form wie wir unseren Glauben leben, die derzeitige Form von Kirche und Gemeinde. Die Kirche verliert auf’s ganze gesehen immer mehr an Kraft, Mitgliedern und Einfluss. Sie versucht mit denselben Rezepten, die ihr seit Jahrhunderten zur Verfügung stehen, der Krise zu begegnen, merkt aber dass man dadurch, dass man das Bestehende einfach nur ein bisschen “besser” macht, keine grundsätzliche Wende herbei geführt werden kann.

Frost und Hirsch fordern diese radikale Wende. Die Kirche muss von Grund auf missionarisch (oder wie im englischen Original besser: missional) werden. Es reicht kein langsame Veränderung, keine Evolution, durch die wir Stück für Stück der postmodernen Herausforderung begegnen, nein es muss eine Revolution her. Eine grundsätzliche und radikale Neuausrichtung. An einer Stelle im Buch vergleichen sie das mit dem Graben eines Loches: Wenn man an einer Stelle ein Loch gräbt und dabei nichts findet, dann reicht es nicht wenn man einfach noch tiefer gräbt - man muss an einer anderen Stelle graben…

Dazu sind nach ihrer Meinung drei Einstellungen des bisherigen Christentums zu verändern: Die Kirche muss inkarnierend anstatt attraktional werden, sie muss messianisch anstatt dualistisch werden und sie muss auf apostolische, anstatt auf hierarchische Weise geleitet werden. Was das genauer bedeutet wird in den drei folgenden Kapiteln ausgeführt.

B. Die Menschwerdung der Kirche

Traditionelle Kirche funktioniert attraktional: Die Kirche bietet Veranstaltungen an (”Attraktionen”) und lädt die Menschen ein, zu diesen Veranstaltungen zu kommen. Wir nehmen alle wahr, dass das Interesse an kirchlichen Veranstaltungen immer mehr nachlässt, deshalb versuchen wir als Gemeinden die Veranstaltungen so attraktiv wie möglich zu machen, wir versuchen Hemmschwellen abzubauen und wir passen unsere Veranstaltungen in der Form (Musik und Medien) mehr den heutigen Vorstellungen an. Hirsch und Frost sagen: Das bringt nichts! “Das Rumschrauben an alten Gemeindemodellen wird nichts bringen.” (S.69) Wir müssen die Leute nicht zu uns einladen, sondern wir müssen mit unserer Botschaft zu den Leuten gehen.

Als Paradigma dafür verwenden sie die Inkarnation des Sohnes Gottes. Er hat seinen Platz im Himmel verlassen und hat sich mit aller Konsequenz in die Nähe der Menschen begeben, damit sie seine Botschaft hören und verstehen. So muss auch die Kirche sich in die Welt hinein inkarnieren. Nicht nur ein kurzer missionarischer Ausflug nach “draußen” in die Welt, um die Leute nach “drinnen” in die Kirche einzuladen. Nein, wir müssen die ganze Trennung zwischen “draußen” und “drinnen” aufgeben und die Ränder offen gestalten. Im Bild gesprochen: Gemeinde sollte keine Weide mit einem Zaun sein, der genau abtrennt zwischen draußen und drinnen, sondern Gemeinde sollte wie ein Brunnen sein, zu dem die Tiere von weit weg von selbst kommen, weil sie Durst haben.

Um das zu erreichen müssen wir die Kirche und den Glauben kontextualisieren. Es ist nötig sich auf die verschiedenen Millieus der Menschen einzulassen (anstatt zu erwarten, dass sie sich unserem Milleu anpassen). Frost und Hirsch sprechen von einer kritischen Kontextualisierung: Die biblischen Kerninhalte darf man nicht aufgeben und dem Kontext anpassen, aber bei der Anwendung und konkreten Gestaltung dieser Inhalte soll man auf die Kultur der Menschen eingehen. Zur konkreten Gestaltung gehört z.B. die Fragen, ob man ein kirchliches Gebäude braucht, ob die Leitung durch einen Hauptamtlichen geschehen muss oder welche Art von Musik gepflegt wird - das alles hat mit dem Kern der Botschaft nicht direkt was zu tun und ist darum veränderbar. Im Grunde müssen wir im Westen das tun, was die Missionare im Lauf der Zeit teilweise schmerzhaft lernen mussten: Sich ganz auf die Kultur des Missionsfeldes einlassen und neue Formen finden, mit denen in dieser Kultur Glaube gelebt werden kann. Dabei gehen Frost und Hirsch an manchen Stellen ganz bewusst an Schmerzgrenzen heran: Kontextualsierung heißt für sie z.B. dass es in muslimischen Ländern “Christus-zentrierte Gemeinschaften ‘messianischer Moslems’” geben kann, die “bewusst muslimische Bräuche” (S.161) praktizieren (z.B. weiterhin muslimische Gottesdienste besuchen) und nur Elemente der islamischen Theologie ablehnen, die der Bibel widersprechen.

C. Die Leidenschaft des Glaubens

In diesem Kapitel geht es um die jüdisch-hebräischen Wurzeln unseres Glaubens. Nach Frost und Hirsch sind traditionelle Gemeinden zu ausschließlich von einem dualistischen Weltbild geprägt. Das ist das Weltbild der griechischen Philosophie, die im Lauf der Kirchengeschichte zum zentralen Deutungshintergrund unserer Botschaft geworden ist. Nach diesem Weltbild gibt eine Trennung zwischen dem Heiligen und dem Profanen. Und so trennen wir auch in unserem Glauben zu stark zwischen christlichen Aktivitäten und dem normalen, profanen Alltag. Ein weiterer Nachteil des hellenistischen Denkens ist die starke Konzentration auf das Denken und den Verstand an sich (anstatt auf das konkrete Handeln). Schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche wurde das Bekennen und Für-wahr-halten von Glaubensaussagen wichtiger, als die Frage, was die Glaubensinhalte für das konkrete Leben bedeuten. Es wurde mehr darüber gestritten, wie man sich z.B. die Trinität vorzustellen hat, als darüber wie wir konkret Jesus nachfolgen können.

In einer Kultur, die insgesamt stark von diesem hellenistischen Weltbild geprägt war, hat das alles auch gut funktioniert. Allerdings stellt die Postmoderne gerade diese Betonung der Vernunft und Logik in Frage. Das hebräische Weltbild passt sehr viel besser zum Lebensgefühl der kommenden Zeit. Deswegen müssen wir unsere hebräischen Wurzeln wieder neu entdecken und als Kirche wieder “messianischer” werden. Was nötig ist, ist z.B. “die Erlösung des Vergnügens” (S.208): Die dualistische Sicht der Welt führt zu einer Verachtung des Körpers und des Vergnügens - in der hebräischen Kultur ist die Freude an irdischen Dingen sehr viel positiver verwurzelt. Nötig ist auch die “Heiligkeit des Alltags” (S.219) neu zu entdecken: Nicht nur in speziell christlichen Veranstaltungen, sondern in jedem Detail des Alltags können wir der Heiligkeit Gottes begegnen. Und zu dieser Neuausrichtung gehört auch, dass wir den Wert von guten Werken wieder neu erkennen: Nicht als Mittel um uns vor Gott etwas zu verdienen, aber als Kanäle durch die Gott seine Liebe sichtbar werden lassen kann.

D. Die Leiter von morgen

Schließlich braucht die missionale Gemeinde auch neue Leitungsstrukturen: Apostolisch anstatt Hierarchisch. Frost und Hirsch greifen auf Epheser 4 zurück, wo fünf neutestamentliche Leitungsfunktionen aufgezählt werden: Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer. Sie sagen dass für die Leitung der Gemeinde alle fünf Dimensionen wichtig sind. Nicht unbedingt in der Form, dass jede christliche Gemeinschaft für alle fünf Ämter auch mindestens fünf verschiedene Personen braucht, aber so, dass alle diese Dimensionen in der Leitung der Gemeinde vorkommen. Zurecht stellen sie fest, dass bisher in der westlichen Kirche bei der Ausbildung und der Praxis der Leiter vor allem die pastoralen (= Hirte) und die pädagogischen (= Lehrer) Dimensionen betont wurden. Um missionale Gemeinde zu sein, müssen die apostolischen, evangelistischen und prophetischen Leitungsaufgaben neu gelehrt und eingeübt werden.

Ein wichtiges Element bei der Leitung der Gemeinde ist für sie auch die Phantasie und die Risikofreude: Gerade in einer Zeit, in der sich der “Markt” der durchschnittlichen Gemeinde (steht ausdrücklich so auf S.298) ständig ändert, müssen wir wie “verrückt experimentieren” (S.303), um die Menschen zu erreichen. Dabei sollen die Leiter nicht einfach die Richtung vorgeben, sondern sie sollen durch “subversive Fragen” (S.307), durch das Ermutigen zu einer “heiligen Unruhe” (S.307) und andere Methoden die Visionen und Träume, die in den Menschen vorhanden sind wecken und bündeln.

Mein Fazit

Ein tolles Buch, mit vielen richtigen Analysen und Feststellungen, mit viel Anregungen Gemeindearbeit zu überdenken und hinterfragen und mit vielen Ideen. Manchmal störte mich die polemische und überspitzte Darstellung der traditionellen Gemeinde, die ja immer alles falsch macht - aber das gehört wohl dazu, um die Zielrichtung noch deutlicher werden zu lassen.

Aber letztendlich finde ich dieses Buch auch sehr frustrierend (wie oben schon gesagt): das alles ist so weit weg von meinem normalen Gemeindealltag, so utopisch, so realitätsfern, dass es mich nicht anspornt sondern entmutigt. Wenn ich mir ganz normale deutsche Durchschnittsgemeinden anschaue: Da sehe ich wenig Potential, um solch eine “Revolution” durchzuführen. Das geht am ehesten noch bei Gemeindeneugründungen (welche oft die bestehenden Gemeinden noch mehr ausbluten lassen, weil die wenigen kreativen und innovativen Leute abgezogen werden…). Aber wir erleben ja auch bei neuen Gemeinden, dass auch sie nach ein paar Jahren oder Jahrzehnten ihre Traditionen herausbilden und oft auch unbeweglich und bequem werden.

Was ist die Konsequenz des Buches? Zum Beispiel für die Gemeinde in der ich bin? Ich sehe beim besten Willen nicht, wie wir auch nur ein Bruchteil dieser Revolution umsetzen sollten. Dazu fehlen zum einen die Visionäre und Träumer und zum anderen werden wohl 95% der Gemeinde gar nicht verstehen, warum man plötzlich ALLES ganz anders machen soll (darum geht’s doch bei einer Revolution, oder?). Eigentlich müssten wir zumachen und ganz neu anfangen. Mich frustriert das Buch, weil es mir ganz klar macht, dass unsere Gemeinde, so wie sie jetzt ist, keine Zukunft in der Postmoderne hat. Zugleich macht mir das Buch deutlich, dass wir eigentlich nichts dran ändern können, weil uns die Kraft zu einer Revolution fehlt…


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Manche Korinther glaubten, dass sie jetzt schon mit Christus herrschen (vgl. 1.Kor.4,8). Sie glaubten, dass mit Kreuz und Auferstehung schon alles geschehen ist und dass wir jetzt schon in einem himmlischen Zustand mit Christus herrschen. Es gibt ja auch heute noch Christen, die sehr stark den Sieg Jesu betonen und sagen, dass auch wir Christen durch Jesus einen sieghaften Glauben leben können. Gegen diese all zu positive Sicht macht Paulus in diesem Abschnitt eine Grundwahrheit des Glaubens deutlich: Das Reich Gottes ist zwar schon angebrochen, es ist aber noch nicht vollendet. In diesem Abschnitt bezieht er das auf die Auferstehung: Durch Jesu Auferstehung ist die Macht des Todes grundsätzlich gebrochen, aber völlig besiegt wird der Tod - der letzte Feind - erst am Ende, erst bei der Vollendung.

Bis dahin wird es für uns Christen immer ein Wechselbad der Gefühle geben: Wir haben in Christus schon jetzt die ganze Fülle, aber es gibt noch immer viele Feinde und Hindernisse, die diese Fülle nicht zur Entfaltung kommen lassen. Schon jetzt hat Jesus dem Tod die Macht genommen und doch wird jeder von uns früher oder später mal auf dem Totenbett liegen (wenn nicht vorher Jesus wiederkommt :) ).

Mich ärgert es, wenn manchmal all zu naiv versucht wird, diese Spannung aufzuheben (vor allem im Umgang mit Krankheit und Heilung): “Wenn du nur richtig glaubst, dann wird mit deinem Leben alles wieder in Ordnung kommen. Dann wird Jesus deine Krankheit heilen, denn er will ja dein bestes und er ist am Kreuz dafür gestorben.” Natürlich will Jesus unser Bestes und natürlich hasst er Krankheit und Tod. Aber er hat diese Spannung noch nicht endgültig aufgehoben: Wir dürfen schon jetzt erleben, dass Jesus Heilung schenkt, aber wir müssen auch immer wieder feststellen, dass wir noch nicht in der Vollendung leben, dass nicht jeder geheilt wird, auch dann wenn genügend Glauben und Vertrauen da ist. Ganz einfach deswegen, weil der Tod und die Krankheit noch nicht völlig unterworfen sind und weil Gott selbst es zulässt, dass sie noch immer ihr Unwesen treiben.


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Jetzt geht’s ans Eingemachte! Es geht um die Auferstehung Jesu Christi. Anscheinend gab es einige in Korinth, die an der leiblichen Auferstehung der Toten zweifelten. Sie dachten dabei nicht an die Auferstehung Christi, sondern an die Auferstehung der Gläubigen. Leider wird nicht genau deutlich, wie sich das dann stattdessen vorgestellt haben. Aber Paulus macht deutlich: Wenn es keine allgemeine Auferstehung der Toten gibt, dann ist auch Christus nicht auferstanden und dann bricht alles zusammen, dann ist das Evangelium wertlos.

Mich hat vor allem V.19 angesprochen:

“Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.”

Wenn wir nur in diesem Leben auf Christus hoffen, wenn wir nur für hier und jetzt Hilfe, Heil und Heilung von ihm erwarten, dann sind wir die elendsten unter allen Menschen, dann wär’s besser, wenn wir gar nicht an Jesus glauben würden. Starkber Tobak! Das heißt doch, dass das Entscheidende nicht jetzt in diesem Leben passiert, sondern dass es noch kommt. Man könnte das als eine billige Vertröstung auf’s Jenseits abtun. Aber für mich ist das immer wieder tröstlich - eben gerade dann, wenn ich am verzweifeln darüber bin, dass der Auferstandene so scheinbar untätig gegenüber dem Elend dieser Welt bleibt; gerade dann, wenn ich mich frage, warum das Leben als Christ oft so mühsam, klein und wenig siegreich ist; gerade dann wenn ich sehe, wie jämmerlich wenig wir Christen von der Herrlichkeit und der Liebe Gottes in unserem Leben wiederspiegeln. Wenn ich nur das sehen würde, dann wäre ich der elendste unter allen Menschen. Aber es gibt noch mehr. Das Beste kommt erst noch… Und so kann ich mich um so mehr an den kleinen Zeichen von Gottes Gegenwart mitten in unserer unvollkommenen Welt freuen und wissen: das wirklich Große und Endgültige, das kommt noch…


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In diesem Abschnitt gibt Palus konkrete Hinweise, wie mit Sprachengebet und prophetischer Rede im Gottesdienst umgegangen werden soll. Da kann man zwischen den Zeilen ein faszinierendes Bild entwerfen, wie damals (zumindest in Korinth) ein Gottesdienst ausgesehen haben könnte. Was ich besonders toll finde: Jeder hat etwas beizutragen. Jeder ist irgendwie beteiligt. Das ist keine Show, die einer oder ein paar wenige vorne abziehen, sondern da sind alle irgendwie beteiligt. Das vermisse ich heutzutage in vielen Gottesdiensten. Sei es in sehr traditionellen Gemeinden, in denen die Leute es aus lauter heiliger Ehrfurcht gar nicht wagen, etwas zu sagen oder spontan aus dem Gewohnten auszubrechen. Oder sei es in ganz modernen Gottesdiensten, bei denen es zwar scheinbar lebendig zugeht, aber letztendlich doch alles von ein paar Profis bis ins kleinste geplant und vorbereitet ist.

Paulus hat in Korinth freilich ein anderes Problem: Dort war alles zu chaotisch und zu durcheinander. Deswegen weist er darauf hin, dass immer nur einer reden soll und dass man aufeinander Rücksicht nehmen soll. Interessant ist dann seine Begründung: “Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.” (1. Kor. 14,33) Genial wie hier Paulus der Unordnung nicht die Ordnung gegenüberstellt sondern den Frieden. Es kommt letztendlich nicht auf die Ordnung an sich an, sondern auf das gute und liebevolle miteinander. Bezeichnend fand ich für mich, dass ich den Vers anders im Kopf hatte: Eben als Gegenüber von Unordnung und Ordnung - Gott als ein Gott der Ordnung. Das ist an sich nicht falsch, aber es zeigt, wie wir manchmal unbewusst die Akzente verschieben, wie die (Gottesdienst-)Ordnung wichtiger wird, als der Friede Gottes…


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In den restlichen Versen von Kapitel 14 führt Paulus seine grundsätzlichen Aussagen von 1. Kor. 14,1-5 noch weiter aus und begründet sie. Neben dem Interesse dass die Gaben des Geistes uns gegenseitig erbauen und helfen sollen, tritt ein missionarisches Interesse. Im Zusammenhang des gemeinsamen Gottesdienstes bewertet Paulus die verständliche prophetische Rede, die konkret in eine Lebenssituation hinein spricht und die Menschen dadurch weiter helfen kann, höher als das Sprachengebet, das vor allem der persönlichen Erbauung dient. Drastisch bringt er das in V. 19 auf den Punkt: “Aber ich will in der Gemeinde lieber fünf Worte reden mit meinem Verstand, damit ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in Zungen.” Um andere zu erbauen, um ihnen zu dienen brachen wir verständliche und verstehbare Worte - sonst bringt es ihnen gar nichts.

Was mir darüber hinaus ganz allgemein bei diesem Themenkomplex aufgefallen ist, sind die wiederholten Aufforderungen des Paulus, nach den Geistesgaben zu “streben” bzw. “sich darum zu bemühen” (1. Kor. 12,31; 14,1; 14,39). Auch wenn Paulus manch konkrete Kritik am Umgang mit den Geistesgaben hat, so ist es für ihn doch klar, dass sie wichtig und erstrebenswert sind. Von meinem lutherisch-pietistisch-evangelikalen Hintergrund her tu ich mich eher schwer mit den Geistesgaben. Ich kenn eher die Einstellung: “Na klar gibt’s Geistesgaben. Und manche haben halt diese Gaben und andere jene. Da sollte man nicht immer neidisch auf andere schauen.” Gerade gegenüber den “spektakulären” Gaben gibt es eine gewisse Scheu.

“Bemüht euch um die Gaben des Geistes” (1. Kor. 14,1). Den Satz und vor allem das Wort “bemühen” hab ich mir mal genauer angeschaut. In verschiedenen Übersetzungen (eifern, sich bemühen, danach streben) und dann auch im Griechischen: Ich war überrascht welches Wort da im Original steht: “zäloo” (meist mit “eifern” übersetzt). Auch die Zeloten haben ihre Bezeichnung von diesem Wort: Die Zeloten das war eine Gruppe von religiösen Eiferern zur Zeit Jesu, sie sich durchaus auch gewalttätig für ihren Glauben und gegen die Römer eingesetzt haben. Auf ähnliche Weise sollen wir also auch nach den Geistesgaben streben. Sich bemühen meint also nicht nur: ab und zu dafür beten, sondern da steckt mehr dahinter: Herzblut, Leidenschaft, Zielstrebigkeit, Kampf… Bleibt nur die Frage, wie man das denn konkret macht: Sich voller Eifer und Leidenschaft um Geistesgaben zu bemühen. Was kann ich dafür tun, außer beten?


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